26.06.2015

Fördern und Fordern - ein Erfahrungsbericht

Ein Erfahrungsbericht von Anja S.

Immer wieder heißt es: ALG2-Empfänger müssen gefordert werden, Druck muss ausgübt werden. Um das unselige Leben als Hartz4-Empfänger zu beenden und wieder selbst für sich Verantwortung zu tragen. Nun, das ist richtig. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass wir ALG2-Empfänger nahezu alle einen äußeren Anstoß benötigen, um uns aus der Hartz4-Lethargie zu befreien. Und meist nicht nur einen. Jedoch, wie schwer es wird, wenn man "es dann mal geschafft hat", das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Aber der Reihe nach:

Bis Herbst letzten Jahres habe ich ALG2 bezogen, und ein Jahrzehnt damit "rund" gemacht.
Gelernt hatte ich in der IT-Branche, weil dass um 2000 hipp war und eine goldene Zukunft versprach. Mein Ding war es nicht, aber im Großbetrieb fiel mein "Anti-Talent" Gott sei Dank nur wenigen auf. Und bei denen genügte meist ein hilfloses Augenklappern mit meinen blauen Augen unter meinen blonden Locken, und sie sahen großzügig über mangelnde, jedoch in Ansätzen vorhandene Leistungen hinweg.

Aber irgendwann war das dann vorbei. Irgendjemand in den "oberen Etagen" hatte wohl bemerkt, dass bei mir demnächst ein Zeitpunkt erreicht war, bei dem laut Tarifvertrag die Kündigung problematischer werden würde.

So gab’s eine Abmahnung, noch ein zweite und endlich die Kündigung. Ehrlicherweise habe ich mich auch nicht gewehrt, denn es ich war froh, überhaupt solange durchgehalten zu haben.

Nun, ich bekam dann ALG1, Bewerbungstraining vom Arbeitsamt, Aufforderungen zur Bewerbung, Vorschläge punkt punkt punkt. Da das Arbeitsamt sich in der Pflicht sah, mich in meinen bisherigen Beruf zu belassen und auch nicht meine Defizite kannte, war aber leider alles vergebens.

Und dann war ich auch schon Hartz4. Neues Amt, gleiche Leier. Nur diesmal ging es auch Richtung "niederer" Jobs. Finanziell war es schon ein Einschnitt. Von 1.400 € ALG 1 auf circa 800 € (Stütze + Miete). Aber ich hatte ja noch meinen Freund, der offiziell bei Mutter wohnte, recht gut verdiente und "Luxusausgaben" wie Urlaub, Kino, Disco, Benzin für gemeinsame Ausflüge, Restaurantbesuche und das eine oder andere meiner Outfits generös bezahlte. Und so war ich mehr oder weniger zufrieden, hoffte auf bessere Zeiten und wimmelte erfolgreich Jobcenter-Angebote ab.

Aber mit der Zeit nervte meinen Freund wohl meine permanente Mittellosigkeit und er schraubte seine Unterstützung nach und nach zurück. Nun ja, ich schraubte daraufhin "meine Leistungen" nach und nach zurück, was ihn wiederum in die „Arme“ einer anderen Frau trieb. All das natürlich stark verkürzt geschildert, aber von der Tendenz her war es so.

Jetzt war ich tatsächlich allein, und es verging noch viel Zeit, bis der äußere Antrieb kam. Der kam nicht durch das Jobcenter, sondern durch - meine Mutter. Meine Mutter war Zeit ihres Lebens eine arbeitsame, sparsame Frau gewesen; und ich bewunderte sie dafür. Und hatte geflissentlich die Anzeichen einer bevorstehenden Konfrontation mit ihr übersehen und überhört. Als ich aber wieder mal Mitte des Monats um einen Vorschuss auf meine nächste Hartz4-Leistung bat, platzte es aus ihr heraus. Nie wieder würde sie mich besuchen oder sehen wollen. Bis ich nicht endlich einen Job hätte. Sprach’s, legte mir wortlos den Hunderter hin und verschwand.

Derart getroffen wirbelte ich jetzt los: Bewerbungen, Vorstellungsgespräche ... kein Erfolg. Dann endlich! Eine Firma für Eventservice und Catering war bereit, mich zu nehmen. Die Chefin, eine etwas korpulente, Mitte 40-jährige mit streng zurückgekämmter Kurzhaarfrisur sah an mich herab und ratterte die Bedingungen herunter: Probezeit 6 Monate, Arbeitszeit 6 Stunden á 5 Tage die Woche, inkl. auch mal samstags oder sonntags. Der Mindestlohn sei im Anmarsch, fluchte sie. Aber ich bin ja noch ungelernt und sollte ich ja nicht so genau nachrechnen, das ginge nicht. Ok, ich willigte ein.

Nun begannen auch gleich die Probleme.
Zum einen jene Probleme, früh aufzustehen, pünktlich auf Arbeit zu kommen und dort nicht einzuschlafen.
Aber auch jene Probleme, für die ich nicht viel konnte. Wer hätte denn ahnen können, dass zwischen der letzten Hartz4-Zahlung und dem ersten bescheidenen Lohneingang auf meinem Konto tatsächlich ganze 45 Tage liegen? Ich jedenfalls nicht. Mein Vermieter wohl auch nicht nach seinem Ton bei meinem Entschuldigungs-Telefonat zu urteilen. Nun, dank Job gab es auch wieder Mama, und dank Mama konnte ich das erstmal überbrücken. (Vom Jobcenter gibt es dafür wohl auch einen Kredit, habe ich später erfahren. Aber statt den Formularwust dafür auszufüllen, kann man sich wohl besser noch einen Nebenjob nehmen; die benötigte Zeit ist dieselbe.)

Dann der nächste Schock. Ende des Jahres flatterte meine Betriebskostenabrechnung für das Vorjahr rein. Eine satte Nachzahlung stand zu Buche. Und berechtigt: Als "Hartzi" gönnte ich mir gern mehrmals die Woche eine entspannende volle Badewanne. Heizung aufdrehen war alle Male sinnlicher als mit Rollkragenpullover im Bett zu liegen. Und meine Wohnung war trotz täglich mehrfacher Stoßlüftung - man möchte ja schließlich frische Luft atmen - auch im Winter dank permanenter Heizstufe 5 immer angenehm warm. Der "ALG2-Luxus" hatte mich eingeholt und forderte nun seinen Tribut.

Nun ja, entgegen aller Vorsätze nun doch noch mal zum Jobcenter, schließlich betraf die Abrechnung ja ein Jahr mit kompletten Hartz4-Leistungsbezug. Aber da hatte ich die Rechnung ohne Herrn Hartz und seinen Gesetzen gemacht. Kein Hartz4-Bezug bedeutet keine Bedürftigkeit, ohne Bedürftigkeit keine Übernahme der Betriebskosten, wie alt sei auch sein mögen.

Ja, auch das Problem konnte ich schließlich mit Ach und Krach aus der Welt schaffen. Aber nicht, ohne schon vor der nächsten Betriebskostenabrechnung angstvoll zu schlottern.

Wenigsten lief es auf der Arbeit gut. Tat es das wirklich? Aus den offiziell vereinbarten 6 Stunden wurden meist 9 Stunden, aus den 5 Tagen auch mal 6. Im 3. Monat hätte ich nach meiner Rechnung so in etwa 2.200 € brutto bekommen müssen, bekam aber immer nur 30 h pro Woche die 8,50 bezahlt, und die 8,50 auch erst ab 2015.

Die Arbeit selbst war der Stress pur. Der Ton der Chefin uns Arbeitenden gegenüber kam dem Tatbestand von Mobbing nahe. Sie erfüllte voll und ganz das Klischee des skrupellosen, gierigen Unternehmers, den ich aus zahlreichen nachmittäglichen "Unterhaltungssendungen" der Privatsender kannte. Und von dem ich dachte, dass er wirklich nur ein Klischee und die Erfindung neidischer Gewerkschaftern sei.
Mit ihrem Sport-BMW raste sie mit quietschenden Reifen von Chef-Parkplatz, um Minuten später plötzlich wieder wie aus dem Nichts kreischend hinter einem zu stehen.

Natürlich nutzte ich die spärliche Freizeit, um mich bei anderen Firmen zu bewerben. Aus gesicherter Anstellung, schrieb ich in meinen Bewerbungen. Aber alle meine Erklärungsversuche auf die Frage, warum ich nach langer Arbeitslosigkeit und nicht mal einem halben Jahr Festanstellung schon wieder wechseln wollte, fielen nicht auf fruchtbaren Boden. "Meinen Sie, bei uns herrscht kein Leistungsdruck?", war sinngemäß stets die nächte Frage.

"Meinen Sie, für nur 250 € im Monat mehr als Hartz 4 muss ich mir das antun?", war stets meine unausgesprochene Antwort.

Nachdem das halbes Jahr fast rum war, hatte ich dann ein so genanntes Entwicklungsgespräch mit meiner Chefin. Zuerst setzte sie einen Hammer. "Deine Leistungen reichen nicht aus, um in der Firma zu bleiben!". Äußerlich schluckte ich, das hätte ich nicht erwartet nach meinem wirklich starken Engagement für die Firma und ohne dass ich mich auch nur einmal wegen der unbezahlten und offiziell nie erfassten Überstunden beschwert hatte. "Ok", antwortete ich trocken. Daraufhin erzählte sie mir was von meinem Potenzial, welches ich hätte, das wir aber gemeinsam "heben" müssten. Im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass ich weniger Geld bekommen sollte. Was mir dann finanziell fehlen würde, sollte ich mir durch Aufstockung beim Amt holen. Wie das technisch gehen sollte (Kündigung, neuer Arbeitsvertrag in andere Firma usw.) lass ich mal außen vor.

Ich bat um einen Tag Bedenkzeit, was sie fast zur Explosion brachte, aber diesmal setzte ich mich durch. Am nächsten Tag ließ ich ihr meinen Krankenschein zukommen. Zwei Wochen später, nach meiner "Genesung" bekam ich erwartungsgemäß meine Kündigung. Meinen ausstehenden Lohn sollte ich mir vom Bundesgerichtshof holen, bis dahin würde sie juristisch gehen, waren ihre letzten Worte.

Nun, ein Anwalt von der nächsten Ecke und bereits die erste Instanz reichten zum Einlenken, aber das nur nebenbei.

Da bin ich also wieder beim Jobcenter, da die Anwartschaft für ALG1 nicht erfüllt war. Entspannt kann ich nun aber immerhin meiner nächsten Betriebskostenabrechnung entgegen sehen, die Zahlung ist gesichert. Die täglichen entspannenden Wannenbäder sind jetzt auch kein unerreichbarer Luxus mehr, sondern wieder Normalzustand.

Und auch meine Mutter sieht jetzt alles etwas entspannter, nachdem ich ihr tränenreich von meinen Erfahrungen in der "kapitalistischen Arbeitswelt" erzählt habe.