Angriffe auf Russen in Deutschland

Kommentar zu einem Kommentar aus einer Schmoll-Ecke der Republik

Der freie Autor Thomas Schmoll dürfte einigen Lesern von seinen wirklich geistreichen Kolumnen "Aus der Schmoll-Ecke" wohl bekannt und von ihnen geschätzt sein.
In diesen regelmäßigen Kolumnen auf n-tv (Onlineausgabe) macht er sich mit spitzer und oft ironisch-sarkastischer Feder überaus geschickt über aktuelle politische Trends und gesellschaftliche Moden lustig.
Kritisch nimmt er - sich selbst dabei ironisch als "Sehr-Gutmensch" bezeichnend - Übertreibungen und die manchmal eigenartigen Entwicklungen in Gesellschaft, Medien und Politik auf's Korn und spart dabei kein gesellschaftliches Thema aus.
Corona, Gendern, Mainstream, Culture Cancel, Political Correctness, das öffentlich Rechtliche - kein Thema, kein Politiker ist sicher vor seinen bissigen Kommentaren.

Unter dem Titel "Jede Anfeindung gegen Russen ist eine zu viel" kommentiert er nun in der ntv-Onlineausgabe vom 07.03.2022 die sich in letzter Zeit häufenden Anfeindungen, Diskrimierungen von, aber auch tätlichen Angriffe auf Russen in Deutschland.
Ein bisschen geht es einem beim Lesen so, wie mit Ed O'Neill. Jener Al Bundy, der einen in "Eine schrecklich nette Familie" jahrelang zum Schmunzeln und Lachen brachte und den man dann Jahre später als ernsten Lieutenant Joe Friday in "Polizeibericht Los Angeles" wiedersieht:
Man wartet instinktiv auf einen sarkastischen Seitenhieb, auf irgendeine ironische Kritik im Text. Aber nichts kommt. Krieg ist zu bitterernst.

          ntv ts 1

Der Kommentar ist vorbildlich streng im Einheitsmedien-Meinungsframe des nunmehr vereinten Westens gehalten. Schade eigentlich!

Lassen wir die Einleitung mal beiseite und befassen uns gleich mit dem ersten Absatz.
Dort schreibt Schmoll:

"Der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs, befohlen von einem eiskalten Diktator ..."

          ntv ts 2

Wie würde es dem Kommentator gefallen, diesen Satz etwas abzuändern? Vielleicht so:
"Der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs - gegen das souveräne Jugoslawien -, befohlen von den eiskalten Regierungschefs der NATO, ..."

Stimmt nicht? Doch:
"Am 24. März 1999 begannen 19 NATO-Mitgliedsstaaten mit 200 Flugzeugen, militärische und zivile Ziele in der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien zu bombardieren...
Die geforderten Zugeständnisse, wie eine freie Bewegung von NATO-Truppen in Jugoslawien, sah die Führung in Belgrad als unzumutbar an.
" 1)

Der betreffende Satz des Kommentators geht aber noch weiter:
"... beruht auf der abstrusen Lüge, dass sich sein Land gegen einen - frei erfundenen - "Genozid" von Ukrainern an Russen wehre..."

Es käme einer Verhöhnung der Toten von Srebrenica gleich, würde man nun des Kommentators obigen Teilsatz weiterführen mit der jugoslawischen Entsprechung:
"... beruht auf der abstrusen Lüge, dass sich die beteiligten NATO-Staaten gegen einen - frei erfundenen - "Genozid" von Serben an Kosovaren wehren..."
Richtig, es verbietet sich von selbst.

Aber gebietet es nicht der Respekt vor eventuellen Opfern im Donbass und dort im Osten der Ukraine, wenigsten ansatzweise zu recherchieren, bevor man von einem "frei erfundenen 'Genozid'" schreibt?
Was, wenn es doch einige russische Opfer gegeben hätte?
Was, wenn es mehr als einige Opfer wären?
Was, wenn es dort Diskrimierung gegeben hätte; das Verbot der russischen Sprache an Schulen und im Alltag, die Unterdrückung der russischen Kultur.
Wie reagiert der Westen denn immer, wenn irgendwo in einer ihm nicht "genehmen Gegend" der Welt eine solche Diskrimierung von Sprache und Kultur erfolgt?

Was wäre, wenn manche dieser Russinnen oder Russen wegen systematischen, politikgesteuerten Gewalttaten gegen sich und ihre Familien aus Lugansk nach Deutschland geflohen wäre?
Was, wenn sie dann hier erneut Diskriminierung und Gewalt erfahren müsste und nun von einem Kommentator zu hören bekäme, ihre Erlebnisse von damals wären "frei erfunden"?

Nicht alles Quellen zum Thema "Gewalt gegen Russen im Osten der Ukraine" konnten von der westlichen Zensur unsichtbar gemacht werden.
Gewiss, es ist sehr mühselig. Aber eigentlich ist es journalistische Pflicht.
 
Man könnte vielleicht hier ansetzen Westen zündelt in Ukraine oder allgemeiner hier Ukraine (Beiträge ab 2014) - Alles Beiträge der "AG Friedensforschung (AGF)".
Die AG Friedensforschung ist eine unabhängige Arbeitsgruppe an der Universität Kassel.
(Nebenbei: interessant auch ein anderes Thema Kiews Kellerleichen.)

Wenn dem Kommentator mit ostdeutscher Biografie diese Arbeitsgruppe aber zu "links" wäre, gäbe es noch andere Quellen, z.B.

Das «Massaker von Odessa» hinterlässt Spuren - ein Beitrag des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).

Oder Reuters von September 30, 2014: Russland ermittelt wegen Ukraine-Krise - Verdacht auf Völkermord

Es gibt noch andere Quellen, manch eine sogar vom ARD, manche andere in den Weiten des Internets versteckt, aber mit einiger Recherchenmühe auffindbar.
Man hätte als Journalist ja auch mal in den Donbass fahren können. Oder zumindestens Betroffene befragen, nachrecherchieren!
Aber man kann auch einfach sagen: 'gab's nicht' - "frei erfunden" - fertig!

 

Etwas weiter im Kommentar schreibt Herr Schmoll über die vom Hass betroffenen Russen:
"So zynisch es klingen mag: Die Betroffenen werden es überleben."

          ntv ts 3

Mit Verlaub, Herr Schmoll, das ist mehr als zynisch!
Dieser Satz ist schlichtweg überflüssig!
Kein Opfer von Gewalt bedarf dieses Kommentars.

Würden Sie diese Worte beispielsweise auch arabischstämmigen Mitürgern in Berlin entgegenhalten, die rassistisch angefeindet und von einer aufgepeitschten Menge bedroht werden, weil irgendwo in einer westdeutschen Stadt Hunderte Kilometer entfernt einer ihrer Landsleute ein Attentat verübt hat?

 

Und diese ganze Bazooka von Schlagwörtern aus der Politikhölle:
"Angriffskriege, Bomben auf Zivilisten, Wahlmanipulation, Desinformation, irre Propaganda, brutale Unterdrückung der Opposition, Auftragsmorde, Drohungen an die freie Welt"
All das kann man 1 zu 1 auch auf den Westen ummünzen. Und wenn man nicht bei jedem Wort dazu bereit ist, dann zumindest auf die vom Westen unterstützen Diktaturen, die weder mit Sanktionen belegt noch mit ununterbrochener westlicher Propaganda beschallt werden.

Auftragsmorde? Schon mal was vom CIA gehört? Es gibt dazu auch eine Reihe guter Filme US-Filme, deren Handlung fast die brutale Realität erreicht. "Die drei Tage des Condors" zum Beispiel.
Angriffskriege, Bomben auf Zivilisten? Vietnam, Irak, Nicaragua, Grenada, Libyen, Jugoslawien, ... da war doch was?
Kennen Sie noch Chile 1973 und die Rolle der USA damals dort? He, Sie sind doch aus der DDR! Alles schon vergessen?

Desinformation, irre Propaganda?
Herr Kommentator. treten Sie doch bitte mal einmal einen Meter nach hinten und schauen mit anderem Blick, was hier in Deutschland, nur in den Qualitätsmedien, ich rede gar nicht erst von der Zeitung mit den vier Buchstaben, auf den Bürger im Minutenrhythmus einprasselt.

Wieviele Menschen sterben im Jemen? Wieviele Kinder sind untern den Opfern? Wieviel Kinder verhungern gerade dort? Wieviele Zivilisten sind dort gerade auf der Flucht?
Ich meine, gibt es unter den 1000 Ersteseite - UkraineKrieg-Menrechtsverletungen-BöseRussen-GuterWesten-Blöcke in diesen Tage in den Medien wenigstens einen über den Krieg im Jemen?
Sind die Opfer im Jemen die falschen?

 
Einfach mal unter Leuten mit der gleichen "Staatsbürgerschaft" (nicht "Nationalität") gefragt:
Glauben Sie wirklich all das, was in den westlichen Medien gerade geschrieben wird? Oder müssen Sie das glauben?
Ich weiß nicht, was von beiden einen mehr beunruhigen sollte.
 

 

Zum Abschluss noch die Quelle zu 1) über den völkerrechtswidrigen NATO-Angriff auf Jugoslawien -> NATO-Einsatz in Jugoslawien: Der Sündenfall?.

"Am 24. März 1999 begannen 19 NATO-Mitgliedsstaaten mit 200 Flugzeugen, militärische und zivile Ziele in der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien zu bombardieren.
Zuvor waren Friedensverhandlung zwischen der jugoslawischen Führung, Vertretern der Kosovo-Albaner, westlichen und russischen Unterhändlern gescheitert.
Die NATO-Vertreter wollten die Regierung in Belgrad dazu zwingen, ihren Einsatz in der abtrünnigen Provinz Kosovo zu beenden und internationale Truppen ins Land zu lassen.
Die geforderten Zugeständnisse, wie eine freie Bewegung von NATO-Truppen in Jugoslawien, sah die Führung in Belgrad als unzumutbar an
."

Ja, in der Tat, Jugoslawien hatte damals tatsächlich die "freie Bewegung von NATO-Truppen" in seinem Staatsgebiet abgelehnt, woraufhin die NATO den Krieg begann.

EnGe, 08.03.2022

 
 
 
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.